Der Weiberheld ein Muttersöhnchen?

Don Juan, der Inbegriff des skrupellosen spanischen Weiberhelden, er ist in Wahrheit ein Muttersöhnchen. Er verzeiht ihr nicht, dass sie bei seiner Geburt gestorben ist und er allein in einem Körbchen aufwachsen musste. Wann immer er nun einer glücklichen Frau begegnet, dann muss er sie hasserfüllt erobern und sie jene Rechnung begleichen lassen, die er mit seiner Mutter noch offen hat. Don Juans Begleiter, der Mozarts Leporello zu sein scheint, allerdings eher wie Don Quijotes Sancho Pansa wirkt, ist stets dabei und dokumentiert seines Herrn erotische Triumphe beflissen mit der Kamera. Der aber hat keinen rechten Spaß an der Sache, denn im entscheidenden Augenblick erscheint ihm stets seine verblichene Mutter im grünen Licht - der Inzest als dramaturgischer Clou - und verdirbt alles.
In ihrem knapp zweistündigen Tanzstück "Don! Juan", das jetzt im Wangener Theaterhaus von der Kompanie Catarina Mora Flamenca uraufgeführt worden ist, wollen die Choreografin Catarina Mora und der Regisseur Cornelius Dane nicht nur unser überkommenes Bild des chauvinistischen Machos retuschieren, sondern auch die Grenzen des traditionellen Flamencos sprengen, indem sie ihn eine durchgängige Geschichte erzählen lassen. Das ist ihnen immerhin insofern gelungen, als dass die Choreografie den Flamenco organisch mit anderen Tanzformen anreichert, ohne ihn seiner eigentlichen Attraktion zu berauben, und indem Mariano Martíns Musik geschickt den Cante Jondo der spanischen Zigeuner mit moderner Percussion und melodischen Celloklängen vermählt.
War Moras erste eigene Produktion "Träum nicht vom Blute des Mondes" in der tri-bühne noch ganz dem konventionellen Flamenco verbunden, so griff sie in ihrer zweiten, "Petenera" im Depot, mutig nach allen Theaterformen zugleich. Jetzt ist sie, sehr zum Vorteil des Stücks, wieder einen Schritt zurück gegangen, hat sich auf den reinen Tanz und nur wenige gesprochene Sätze beschränkt, große Tableaus, fein gezeichnete, individuelle Soli und dramatische Duos für Zenon Ramos Reyes in der Titelpartie und seine vier Partnerinnen entworfen. Die Handlung gibt hinreichend Raum sowohl für ausgelassene Tänze, als auch für spannende Entwicklungen. Zumal sie sich auf die Begegnung mit nur drei Frauen beschränkt.
Don Juan unterwirft sich zuerst eine junge Braut, deren Glück er nicht ertragen kann, danach eine betende Jungfrau in der Kirche. Und beiden nähert er sich in der gleichen brachialen Weise mit wilden Zapateado-Salven, die ohrenbetäubend aus den Lautsprechern krachen. Erst als er einer selbstbewussten Frau begegnet, die ihm Paroli bietet und wirkliche Liebe fordert, ist es um ihn geschehen. Don Juan flieht, ist nur noch ein Schatten auf dem Bühnenhintergrund, und der Verdacht drängt sich auf, dass er sich vielleicht im Grunde seiner Seele selbst als Frau fühlt. Reyes' feingliedrige Gestalt, seine langen Haare und sein Tanz legen diese Vermutung durchaus nahe. Machismo als Kompensation unterdrückter sexueller Verwirrungen?
So lange sich das Stück im geradlinigen Erzählen von menschlichen Beziehungen bewegt, ist es fesselnd, unterhaltend und logisch. Besonders weil Mora und Dane eine ausgesprochen glückliche Hand damit hatten, die fünf Musiker in das Geschehen zu flechten, was seiner Farbigkeit und theatralischen Wirksamkeit sehr zum Vorteil gereicht. Aber wenn sie pingelig und redselig Hinter- und Beweggründe erläutern, vor allem in der einleitenden Sequenz mit der Zeugung des Knaben Juan und dem Tod seiner Mutter, dann verheddert sich ihre Inszenierung in Black-outs, mit Geräuschen notdürftige kaschierte Umbaupausen und komische Details, wie zum Beispiel das auf die Kiste geklopfte, wiederholte Galoppieren von Juans Pferd. Den Prolog weggelassen, das Finale gestrafft - und dieser "Don! Juan" ist eine runde Sache.
Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Tänzer und Musiker, namentlich der Percussionist Ricardo Espinosa und der Sänger Rafael de Huelva, als Künstler erweisen, die nicht nur ihr Metier ausgezeichnet beherrschen, sondern die auch Persönlichkeiten von so ausgeprägten Charakteren sind, dass sie eine Geschichte tragen können. Neben den Flamencos en routes von Brigitta Luisa Merki scheint sich in Catarina Mora Flamenca eine zweite Truppe etabliert zu haben, die dem modernen Flamenco einen Weg weist, den weiter zu verfolgen sich lohnt.