Alles ist Lug und Trug

Die Gegenprobe lässt sich leider nicht machen. Man weiß also nicht, was aus diesem kleinen Haufen unglückseliger Existenzen in einem morastigen lettischen Kaff geworden wäre, würde es die Sowjetunion noch geben. Vermutlich aber trägt die "Wende" allein nicht die Schuld an ihrem Elend, das sie resigniert zelebrieren, und in dem sie ihre ganze verbliebene Energie darauf verwenden, sich neben ihren Mitmenschen zu behaupten, die ihnen aus triftigen Gründen von Herzen zuwider sind. Die junge lettische Autorin Inga Abele hat in ihrem ersten Bühnenwerk "Die dunklen Hirsche", das jetzt in der Übersetzung von Matthias Knoll als deutschsprachige Erstaufführung im Stuttgarter Depot Premiere hatte, mit kräftigen Farben ein deprimierendes Bild der Hoffnungslosigkeit gemalt, aus der zu entrinnen, selbst wenn sie zaghafte Versuche dazu unternehmen, den Menschen kaum gelingen wird.
Der Opa (Helmut Lorin), sein Sohn Alf (Michael Stiller), dessen zweite Frau, die Russin Nadine (Elisabeth Findeis) und Ria (Katja Bürkle), seine Tochter aus erster Ehe, haben sich in einem Raum eines ehemaligen Schlachthauses (Constanze Kümmel) notdürftig eingerichtet. Die Trostlosigkeit der gekachelten Wände und des Bodens wird durch mit Resopal verunzierten Wohninseln noch verschlimmert, das Waschbecken hat keinen Abfluss, die Stühle sind festgeschraubt - trau, schau, wem. Nur die beiden Frauen tragen sympathische Züge. Nadine ist zu einem stummen Schatten degeneriert, wofür sie von Ria gehasst wird, deren Jugend noch einen Rest von Lebenshunger birgt.
Von Minute zu Minute dringt das Stück tiefer in das dunkle Leben dieser Figuren. Jede von ihnen hat Dreck am Stecken. Alf hat seine erste Frau beim Kartenspiel gewonnen und sie später ins Irrenhaus geprügelt, der kosmopolitische Schlawiner August (Sebastian Röhrle), an den sich Rias ganze Sehnsucht nach Rettung klammert, hat nicht einen einzigen Stempel im Pass, und so weiter. Lug und Trug und Gemeinheit, alle aus der Not und der Verzweiflung geboren, wohin man blickt. Vordergründig geht es allerdings darum, dass Alf nicht mehr, wie früher Schweine züchten kann, warum wird nicht klar, und deshalb in einem Gehege Hirsche als Schlachtvieh hält, was für Ria unerträglich ist, weshalb sie am Ende, bevor sie und Nadine das Haus verlassen, die Tiere wenigstens selbst erschießt.
Die junge Regisseurin Charlotte Koppenhöfer wendet in ihrer ersten Stuttgarter Inszenierung zwar durchaus drastische Mittel an, lässt Nadine ins Waschbecken kotzen und sie ein Brathähnchen mehr zerreißen als zerlegen, die funkelnagelneuen, weißen Gummistiefel aller werden hinter der Bühne jedes Mal dick mit Matsch eingeschmiert (wie man an den deutlichen Spuren an ihren Schäften sehen kann), der bald den Kachelboden bedeckt.
Aber das eigentliche Drama findet sozusagen neben der Handlung statt. Es sind die lauernden, verschlagenen, angewiderten Blicke, mit denen sich die Menschen belauern, die Brutalität in Gang und Haltung, das Vorbeihuschen im Hintergrund, die Krümmung der Rücken, das trotzige Aufbegehren, welche die Aufführung zu einem beklemmenden, geradezu unangenehmen Erlebnis machen. Und es ist die dramaturgisch geschickt ausgewählte Kleidung (Anja Herden) über den Gummistiefeln - die der Männer überwiegend aus feinem Tuch, die der Frauen wie vom Wühltisch der Sozialhilfe. Inga Abele hat sich wohl viel Leid von der Seele geschrieben, und sie hat dafür in Stuttgarts Schauspielern und dem Produktionsteam mitfühlende Interpreten gefunden.