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Als "Opa Ühm", der eigentlich Oskar Brandt hieß und der Stiefvater meiner Mutter war, am frühen Morgen des 4. April 1940 in das Adolf-Stöcker-Stift in Berlin-Weißensee gekommen und meiner ansichtig geworden war, wie ich, gerade einmal drei oder vier Stunden alt, wie am Spieß brüllte, da soll er zur Stationsschwester gegangen sein und sie gefragt haben, ob es denn völlig auszuschließen wäre, dass man die Säuglinge vertauscht hätte. Und zu meiner Mutter soll er gesagt haben, wenigstens hätte das Kind einen musikalischen Hinterkopf. Mein Vater habe sich, wurde mir später berichtet, vorsichtshalber jeden Kommentars über seinen Sprössling enthalten, dem bereits direkt über den Augenbrauen lange, schwarze Haare wuchsen und dessen Nase auch irgendwie nicht an der dafür vorgesehen Stelle saß. Ich fand es später nie lustig, wenn solche Geschichten, deren belachter Mittelpunkt ich war, zu fortgeschrittener Stunde im Familienkreise erzählt wurden.
Das mit dem musikalischen Hinterkopf war wohl nicht ganz falsch. Ich habe mich mein ganzes Leben lang zur Musik hingezogen gefühlt. Noch heute erschrickt sich meine Frau regelmäßig zu Tode, wenn sie zu mir ins Auto steigt und nach dem Drehen des Zündschlüssels sechs Lautsprecher aus vollem Halse auf sie eindröhnen. Und wenn die beiden anderen Mietparteien des Dreifamilienhauses, in dem wir wohnen, einmal gleichzeitig in die Ferien fahren, was selten genug vorkommt, und ich nach Herzenslust fortissimo Musik hören kann - das ist für mich der Himmel auf Erden. Über die erforderliche Lautstärke von Musik gerate ich mit meiner Frau immer wieder über Kreuz, selbst, seit ich im Jahre 1979 einmal überzeugende Schützenhilfe von William Forsythe (immerhin!) erhalten habe. Ich erwähne das, weil es im Zusammenhang mit zwei Ereignissen steht, bei denen ich kurz verweilen will. Seinerzeit waren wir mit Forsythe und seiner damaligen Frau Eileen Brady sehr eng befreundet. Beide in New York geboren, waren sie bis etwa zum Jahre 1978 Tänzer beim Stuttgarter Ballett. Er hatte wegen seiner zunehmenden Erfolge als Choreograf mit dem Tanzen aufgehört. Sie, eine bezaubernde Ballerina mit brillanter Technik und starker Bühnenwirkung, am Beginn einer großen und steilen Karriere stehend, musste sie wegen einer Erkrankung abbrechen. Später hat sie noch einmal für wenige Jahre das Tanzen fortgesetzt, zunächst in Hamburg bei John Neumeier und anschließend in Zürich bei Uwe Scholz. Aber die Krankheit hat ihr immer wieder buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich bat also William Forsythe, mir die Songs seines Erfolgsballetts "Seite 1 - Love Songs - Alte Platten" in der richtigen Reihenfolge auf Band zu überspielen. Er hatte diese Platten tatsächlich auf einem Trödelmarkt aufgestöbert, und sie von ihm zu bekommen, einschließlich der originalen Kratzgeräusche, das war, Freundschaft hin, Freundschaft her, etwas Besonderes für uns. Nun, als er uns die Kassette brachte, habe ich ihn gebeten, weil er in der Tat über die Maßen musikalisch ist und ein formidables Gehör hat, alle der seinerzeit sehr zahlreichen Regler unserer Stereoanlage nach seinem Geschmack einzustellen. Er tat das sehr gewissenhaft und landete schließlich bei einer Lautstärke ("alles andere ist Mist"), welche die Menschen auf der Straße erschreckt zusammenlaufen ließ. Seither kann ich zwar immer noch mit "weißt du noch, was Billy damals gesagt hat?" argumentieren, ernte von meiner Frau aber dennoch meistens als Antwort ein "da erinnerst du dich falsch". Und wenn Forsythe bei einer Aufführung seiner "Love Songs" im Zuschauerraum war, in Stuttgart stand er üblicherweise im kurzen Gang zwischen den letzten Parkettreihen, dann spurtete er meistens nach wenigen Minuten hinter die Bühne zum Tonmeister Federle und forderte ihn zornbebend auf: "Lauter, lauter!" Es war ein ständiger Kampf. Dass Forsythe schwerhörig sei, ist übrigens eine der regelmäßig wiederholten (man kann beinahe darauf wetten) Vermutungen in Horst Koeglers Kritiken über Frankfurter Premieren. "Love Songs" wurde am 5. Mai 1979 bei einem Galaabend im Münchner Nationaltheater uraufgeführt. Die Intensität der damaligen Besetzung ist nie mehr auch nur annähernd erreicht worden. Kathryn Bennetts, Sarah Abendroth, Melinda Witham und Barry Ingham, Hilde Koch, Lucia Montagnon und Egon Madsen, sowie Christopher Boatwright sind bei den älteren Stuttgarter Ballettfreunden sowieso unvergessen. Leider sind Ingham und Boatwright schon vor vielen Jahren an den Folgen von Aids gestorben. "Love Songs" (sowohl die Münchner Fassung, als auch die später für das Joffrey Ballet geschaffene) wurde und wird noch immer als Macho-Ballett grotesk fehlinterpretiert. Forsythe wollte mit diesem Stück eigentlich bei seiner Frau, die übrigens die Kostüme für das Ballett entwarf und schneiderte, für sein zuweilen gedankenloses und gefühlloses Verhalten um Entschuldigung bitten und mit ihm zeigen, dass ihm sehr wohl bewusst sei, was er ihr oft zumuten würde. Nicht dass er damit besondere Vorkommnisse gemeint hätte. Es war wohl eher eine Art des Bittens um Verzeihung, wie es von Zeit zu Zeit jeder Mann bei seiner Partnerin tun sollte. Und er wollte den Männern im Münchener Galapublikum beweisen, dass sie vom gleichen Schlage seien wie alle Männer, nur ein wenig mehr hinter der Mode her, mit ihren etwas zu breiten Schlipsen. Also wenn es denn je ein feministisches Ballett gegeben hat, dann sind es diese "Love Songs", was nach meiner Meinung auch offensichtlich ist. Dieser Galaabend wurde noch durch die Ereignisse um ein zweites Stück denkwürdig. Lynn Seymour, einst Kenneth MacMillans Lieblingsballerina beim Royal Ballet, war damals, wie auch viele ihrer Vorgänger und Nachfolger für nur kurze Dauer, Direktorin des Münchener Balletts, das seinerzeit noch nicht Bayerisches Staatsballett hieß. Sie war nicht übermäßig beliebt. Vor allem nicht bei Münchens eigenwilliger Star-Ballerina Konstanze Vernon, die sehr wohl, aber noch nicht für diesen frühen Zeitpunkt, die Direktion der Truppe angepeilt hatte. Die beiden lagen im Dauerstreit. Und nun machte Seymour einen verhängnisvollen Fehler. Sie versuchte nämlich, sich bei der Vernon damit einzuschmeicheln, dass sie für sie das kurze "Tattoo" zur Kleinen Dreigroschen-Musik von Kurt Weill choreografierte, das bei der Gala uraufgeführt werden sollte. Und sie lief damit geradenwegs in ein Messer, das Konstanze Vernon längst geschliffen hatte. Kurz vor Beginn der Vorstellung war die Ballerina plötzlich verschwunden. Man suchte und suchte immer verzweifelter, bis jemand mit der Nachricht kam, der Pförtner am Künstlereingang hätte gesagt, Konstanze Vernon habe "komplett geschminkt" das Haus verlassen. So tanzte, völlig unvorbereitet, Lynn Seymour ihr Stück selbst und war die Blamierte. Eigentlich war ja Konstanze Vernon die Blamierte, doch die und das Münchener Publikum, soweit es von dieser selbstverständlich geheim gehaltenen Affäre überhaupt erfahren hatte, sahen das überhaupt nicht so. Das Stück selbst war übrigens entsetzlich. Ja, das ist Theater.
Zurück zu Opa Ühm. Er war Kölner und mit dem unvergleichlichen rheinischen Humor gesegnet: "Neulisch hätt misch en Dampfwalz übbafohre. Da wor isch aba platt". Seine Frau Frieda, Oma Brandt, war zuvor schon die Frau von Oskars Bruder Friedrich, des Vaters meiner Mutter, gewesen. Der, ein Kunstmaler und "hoch begabt", war indes schon in jungen Jahren gestorben ("Dä hett sich dotjesoffe"), was angesichts seines Berufes, Künstler!, in der Familie als einigermaßen standesgemäß angesehen wurde. Oma Brandt musste folglich wegen ihrer zweiten Ehe nicht einmal ihre Initialen im Bettzeug ändern, was sehr praktisch war. Opa Ühm hing an Köln. Er hatte, kurz vor und gleich nach dem Krieg ein geradezu pompöser Luxus, eine große Musiktruhe, bei welcher die Klänge nicht mehr von einer Membrane, sondern bereits durch die Radiolautsprecher kamen. Wenn er ihre breite Lade öffnete und ihr dunkelholzig kostbares Innere, von einer Kohlefadenlampe beleuchtet, sichtbar wurde, das war immer eine Art Festakt, während dessen Opa Ühm mit einer Mischung aus Stolz und Triumph Beifall heischend in die Runde blickte. Am liebsten spielte er kölsche Lieder. Und wenn Willy Ostermann sang: "Möösch isch zo Foß nach Kölle jonn", dann kullerten meinem Opa die Tränen nur so übers Gesicht. Ich habe mich damals immer gefragt, warum er dann nicht andere Lieder spielte. Ühm war auch ein begnadeter Erfinder. Er entwickelte zum Beispiel eine elektrische Vorrichtung zum wasserlosen Erhitzen von Bockwürsten. Nach langwierigen Berechnungen lötete er Drähte, Widerstände und derlei zu einem beeindruckenden Gewirr zusammen, steckte je einen Anschluss in ein Wurstende, und die Sache nahm ihren Fortgang. Die Wurst wurde sogar heiß. Nur war sie dermaßen trocken... Opa Ühm ist früh gestorben, ich war damals, glaube ich, erst sechs oder sieben Jahre alt. Es war nicht diese Musiktruhe, die in mir die Liebe zur Musik und damit zwangsläufig später auch zum Tanz entfacht hat. Es gab keine Musiker in der Familie. Zwar konnte mein Vater ein einziges Stück flott auf dem Klavier spielen, es hieß "Ja, wir sind ledig" (Komponist mir unbekannt), aber das war es auch schon. Er spielte es nur ungern und nur, wenn auf Gesellschaften die Stimmungswogen schon hoch gingen ("Rudi, spiel doch mal, du machst das so gut!"). Dann nämlich reichte die Aufmerksamkeit der Anwesenden gerade einmal für diesen einen Gassenhauer, und mein Vater konnte sich für den Rest des Abends darauf beschränken, auf dem Klavier mit der linken Hand humtata zu machen, was zum Tanzen genügte. Nein, auch die Muse Hausmusik hat mich nicht geküsst. Das war vielmehr ein Gelegenheitskauf: Ich war wohl sieben Jahre alt, da brachte mein Vater ein Koffergrammofon mit nach Hause. Er hatte es auf einem jener Handelsplätze erstanden, die damals noch nicht die anheimelnd-nostalgische Bezeichnung Flohmarkt trugen und zum "Kauferlebnis" einluden, sondern die dazu dienten, Dinge zu verkaufen, die den Menschen ans Herz gewachsen waren und die sie sehr gerne behalten hätten, wenn sie nicht den Verkaufserlös dringend dazu benötigt hätten, sich und vor allem ihren Kindern auf dem "Schwarzen Markt" etwas zum Essen kaufen zu können. Eigentlich waren auch wir in einer solchen Lage, noch in einer reichlich zerbombten Berliner Wohnung lebend, aber meinen Vater hatte wohl der Teufel geritten, und er hatte das Ding gekauft. Wann immer meine Eltern Streit miteinander hatten, und sie hatten ihn immer häufiger, bis er schließlich sehr viel später zur Scheidung führte, dann musste ich in mein "halbes Zimmer" gehen. Das, ich erinnere mich sehr genau, war so eine Gelegenheit. "Halbe Zimmer" waren in Berlin üblich. Sie hatten tatsächlich nur die halbe Breite normaler und dienten vor allem als Kinderzimmer. Dieses per Federmechanik betriebene Koffergrammofon also konnte aufgeklappt werden und hatte an der Innenseite seines Deckels ein Fach für Platten. Sie wurden mit Stahlnadeln abgetastet, es gab "laute", "mittlere" und "leise", die in einem schweren Tonabnehmer steckten, über dessen Membrane die Musik blechern scheppernd hörbar wurde. Die Platten waren aus Schellack und drehten sich mit 78 Umdrehungen pro Minute. Zu unserem Gerät gehörten zwei Platten mit ca. 30 cm Durchmesser. Auf ihre vier Seiten war Peter Iljitsch Tschaikowskys "capriccio italien" verteilt, ein bestenfalls fünfzehn Minuten langes, sehr bewegtes Stück. "Bernd", sprach mein Vater mit strengem Gesichte, als kennte er die Welt nicht und nicht die Kinder, "von diesem Grammofon lässt du deine unegalen Finger. Wenn ich merken sollte..." und so weiter. Er war, was ich vom Balkon aus sehr gut beobachten konnte, gerade einmal um die Straßenecke gebogen, als ich Tschaikowsky spielte, wieder und wieder und wieder. Das capriccio italien hat tatsächlich mein Leben verändert. Noch heute kenne ich beinahe jede Note in ihm, die erste eigene Platte, die ich mir später kaufen konnte, enthielt selbstverständlich diese Komposition, Tschaikowsky ist mein Lieblingskomponist geworden, ich habe alles von ihm auf Platte, dessen ich je habhaft werden konnte, und ich habe alles über ihn gelesen, dessen ich habhaft werden konnte. Und auch, was sein Seelenleben betrifft, gibt es wohl keinen Komponisten, dem ich mich mehr verwandt und von dem ich mich besser verstanden fühlen würde. Allerdings, niemand ist wirklich perfekt, schwärme ich, anders als mein unfreiwilliger Bruder im Geiste, entschieden mehr für schöne Tänzerinnen, als für schöne Tänzer.
Die Kultur hat mir als Kind viele Schmerzen eingebracht und ich habe deshalb später meine hingebungsvolle, gleichwohl nur platonische Liebe zu ihr oft verleugnet. Noch immer zögere ich gelegentlich, so genannten "einfachen Menschen" mit dem Theater, der Oper, dem Ballett oder dem Konzertsaal "zu kommen". Ich erinnere mich speziell an drei Ereignisse. Mein Vater lernte meine Mutter bei der Firma Kugel-Fischer in Berlin kennen. In diesem Unternehmen wurde er bald ein relativ großes Licht, immerhin ein so großes, dass er im Krieg als "unabkömmlich" (uk) erklärt wurde, also nicht in ihn musste, und, als gegen Ende des Krieges die Bombenangriffe auf Berlin immer stärker wurden, mit der Fabrik ins damals ebenfalls deutsche Tirol versetzt wurde. Vielleicht komme ich später noch einmal auf diese Zeit zurück. Jedenfalls wollten und mussten wir nach der Kapitulation, die Tiroler fühlten sich plötzlich wieder als Österreicher, Hals über Kopf von dort verschwinden. Die Reise nach Berlin dauerte länger als ein drei viertel Jahr, wir zogen in Trecks mit Pferdewagen und hinter Traktoren, wurden in Lager verfrachtet, hatten sonstige Aufenthalte, vor allem an den Grenzen zwischen den Besatzungszonen, wo man nach versprengten Nazis suchte. Man kann sich das, wie man so schön sagt, gar nicht vorstellen, wenn man nicht dabei war. Ich glaube mich daran zu erinnern, dass ich oft furchtbare Angst hatte, vor allem, wenn ich merkte, dass meine Eltern vor Angst schlotterten, ohne dass ich den Grund dafür kannte, aber auch manches schöne, aufregende Erlebnis. Auch mein Vater war damals wohl nicht immer nur aufgeregt, sondern zuweilen auch gelangweilt. So verfiel er auf den unseligen Gedanken, seinen gerade einmal fünfjährigen Sohn im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Mit dem Schreiben hatten meine winzigen Fingerchen noch Probleme, aber das Lesen klappte bald recht ordentlich. In Berlin angekommen, zogen wir in die Wohnung meiner Großeltern väterlicherseits. Auf sie komme ich sicher noch. In ihr gab es selbstverständlich keine Kinderbücher. Also las ich alles andere, was mir in die Finger kam. Unter anderem erinnere ich mich an einen schrecklich dramatischen Familienroman mit dem Titel "Tantalus". Und dann fiel mir Goethes "Dichtung und Wahrheit" in die Hände, womit ich endlich den Bogen zurück zu meinem Problem mit der Kultur geschlagen habe. In der zweiten Schulklasse fragte irgendwann die Deutschlehrerin herum, wer von uns denn schon ein Buch gelesen hätte. Die meisten hatten nicht, einige hatten sich wohl schon an Karl May versucht, der damals, es gab ja die DDR noch nicht, erlaubt war, Nesthäkchen wurde genannt und dergleichen. Als die Reihe an mich kam, platzte ich stolz heraus: "'Dichtung und Wahrheit' von Johann Wolfgang von Goethe". Der Lehrerin fiel fast die Kreide aus der Hand, und ich war in der Klasse unten durch. Mein Spitzname wurde "Professor", und wenn es daran ging, Mannschaften für Völker- oder Fußball zusammen zu stellen, dann wurde ich bestenfalls Ersatzmann - "jeh du Jöte lesen!" Es war deprimierend. Nie verlor ich ein Wort darüber, dass ich mittlerweile begonnen hatte, Libretti von Wagner auswendig zu lernen und begeistert Kleist, Lessing, Fontane und solche Leute zu lesen, dass ich alles in mich hinein fraß, von Daniel Defoes "Robinson Crusoe", über "Das Naturforscherschiff" und "Tom Sawyer" bis zu "Das Auge des Fo". Ich hatte meinen Ruf nach Jahren einigermaßen renoviert, als in Berlin-Weißensee die Straßen im "französischen Viertel" umbenannt wurden. Die DDR wollte nicht, dass sie an große Schlachten erinnerten, sondern gab ihnen die Namen französischer Komponisten. Wir wohnten in der Sedanstraße, was auszusprechen für berlinische Zungen einigermaßen problemlos ist. Der neue Name der Straße lautete Bizetstraße. So heisst sie noch heute. Wir Kinder, wie auch die meisten Erwachsenen, sagten "Biizettstraße". Bis mein Vater mich aufklärte, es hieße "Biesehhstraße". Als ich meine neue Weisheit in der Schule verbreiten wollte, war es ganz aus, ich musste die Schule wechseln. Auch in der neuen Schule in der Weißenseer Pistoruisstraße war mir nicht lange das Glück beschieden, als normaler Junge zu gelten, abgesehen übrigens vom Schwänzen, in dem ich wohl oft Jahrgangsbester war. Ich hatte mittlerweile das Spielen beinahe jedes Instrumentes lernen müssen, brach den Unterricht aber jedes Mal ab, wenn ich "Stille Nacht, Heilige Nacht" beherrschte. Und nun sollte ich die Violine lernen. Man kaufte mir zu diesem Zweck eine billige "halbe Geige" und schickte mich zu einem privaten Musiklehrer, der bald an mir verzweifelte: "Aber der Junge lernt ja nicht!" Es war Winter, und mein Vater hatte mir eingebläut, nur nicht im Freien den Geigenkasten zu öffnen, sonst erkälte sich das Instrument. Und wie es das Schicksal wollte, begegnete ich eines Tages auf dem Wege zum Unterricht zwei Mitschülern, die mich selbstverständlich nach dem komischen Kasten fragten, den ich auf dem Rücken trug. Da drin sei eine Geige erklärte ich. Ich dürfte den Kasten aber nicht öffnen, damit sich die Geige nicht erkälte. Ich war erneut geliefert.
Meine Erinnerungen an diesen Teil meiner Schulzeit sind merkwürdig blass. Ich weiß nur noch, dass diese Schule ein sehr düsteres Gebäude war, dass am Morgen des ersten Schultages, der auf den 15. März 1953 folgte, unsere Klassenlehrerin tränenüberströmt vor uns trat und schluchzend verkündete, der Genosse Stalin sei gestorben, was uns zunächst ziemlich Wurscht war. Aber bald waren wir über dieses tieftraurige Ereignis hochbegeistert, denn wir bekamen für den Rest des Tages schulfrei, damit wir in Ruhe darüber nachdenken konnten, welche Katastrophe plötzlich über die Menschheit hereingebrochen war. Die meisten von uns nutzten die Gelegenheit, umgehend in den Westbezirk Kreuzberg zu fahren, wo in grenznahen Kinos jeweils um 10, 12 und 14 Uhr für Ostberliner zum Preise von 25 Pfennigen West Cowboy- und Kriminalfilme gezeigt wurden. Das ging diesmal ganz ohne Schwänzen! Und dann steht mir noch vor Augen, wie die gleiche Klassenlehrerin kurze Zeit später, einige Tage nach dem 17. Juni 1953, unbewegten Gesichts erzählte, einer unserer älteren Mitschüler sei bei den Zusammenrottungen auf dem Potsdamer Platz von einer Kugel westlicher Aggressoren tödlich getroffen worden. Und wir sollten aus diesem Vorfall lernen, wie gefährlich es sei, den Anweisungen der Regierung nicht zu folgen und welche Verbrecher drüben herrschten, im Land der Krautjunker und Schlotbarone.
Fortsetzung folgt eventuell |